Reflexe feministické lingvistiky v německé gramatice

V německé gramatikografii je feministická lingvistika respektována jako jazykovědná disciplína, která postavila do středu pozornosti jazykové konstrukce ženství a mužství a jejich hierarchie. Na rozdíl od vypjatě odmítavých postojů českých lingvistů (lingvistky se zatím ostřeji nevyjádřily) se německá gramatikografie hlásí k odkazu feministických lingvistek jako obohacení pohledu na jazykový úzus. Úryvek z odborné stati J. Valdrové představuje po této stránce mluvnici Duden a dalších 7 prestižních pojednání o německé mluvnici.

Darstellung der feministischen Sprachforschung in deutschen Grammatiken

In Valdrová, J. (2008) Sprachkritik und Sprachmanagement im Deutschen im Vergleich mit dem Tschechischen. In: Spáčilová, L. / Vaňková, L. (Hrsg.). Germanistische Linguistik und die neuen Herausforderungen in Forschung und Lehre in Tschechien. Brno: FF MU, PF MU, str. 335-347.

In den deutschsprachigen Ländern wurden die ersten sprachwissenschaftlichen Arbeiten zum Thema Sprache und Geschlecht in den 70. Jahren des 20. Jahrhunderts publiziert. Der Anlass dazu kam sozusagen „von unten“ – aus der Frauenbewegung der späten 60. Jahre. Aus den Anforderungen an eine sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern hat sich eine Umwertung der Personenbezeichnung ergeben. Die dazu entworfenen alternativen Ausdrucksformen haben sich später in der Gesetzgebung und Verwaltung sowie in dem öffentlichen Sprachgebrauch der Medien durchgesetzt.

Das Vorhandensein neuer sprachlicher Regelungen bedeutet noch nicht, dass dadurch die sprachlichen Ungleichheiten aus dem öffentlichen Sprachgebrauch getilgt würden; etwa wie keine Verkehrsregeln einen unfalllosen Verkehr garantieren können. Die Empfehlungen zum statussymmetrischen Sprachgebrauch können jedenfalls die Kommunikation kultivieren, wenn sie zu mehr politeness, mehr Höflichkeit führen.

An chronologisch gegliederten Zitierungen zeige ich nun, wie die feministische Sprachkritik in einigen ausgewählten deutschen Grammatiken der letzten zwei Jahrzehnte dargestellt wird.

Beispiel 1: Eisenberg, 1994

Viele Gruppen von Personenbezeichnungen sind hinsichtlich des natürlichen Geschlechts symmetrisch aufgebaut. In Frau – Mann – Mensch haben wir einen geschlechtsneutralen neben zwei geschlechtsspezifischen Ausdrücken. Dass Mensch ein Maskulinum ist, muss diese Symmetrie nicht stören. Mensch ist, zumindest synchron zum englischen man, mit Mann ebensowenig identisch wie mit Frau. In einigen Bereichen sind die Bezeichnungen jedoch ungleichmäßig verteilt.

Eine Seite widmet P. Eisenberg dem Werk der feministischen Linguistin Luise F. Pusch, insbesondere den von ihr konstatierten Asymmetrien in der Ableitung von Substantiven und Adjektiven, in der Pluralbildung und in der Bildung der Vornamen. So besteht nach Pusch eine der sprachlichen Ungleichbehandlungen z. B. darin, dass weibliche Vornamen immer von den männlichen abgeleitet wurden (Petra, Michaela), nicht umgekehrt (Evus, Magdalen). Diese und viele andere Befunde nimmt Eisenberg in sein Kapitel über das Genus auf.

Beispiel 2: Genzmer, 1995

Dem fokussierten Thema ist das Kapitel 15.0. Sexismus in der Sprache gewidmet. Es behandelt die Bezeichnung von Frauen und Männern mit maskulinen Sprachformen. Männer erfahren zwar auch Sexismus, „in der Sprache sind es jedoch meistens Frauen, die unsichtbar sind“ (…) Der allgemeine Sprachgebrauch ist zumeist so, dass Frauen nicht erscheinen“. Der Autor zitiert Beispiele feministischer sprachlicher Strategien, wie Frauen in der Sprache sichtbar gemacht werden können: jeder Reisende > alle Reisenden; der kluge Mann baut vor > kluge Leute bauen vor; Beidnennung: Student/in, RedakteurInnen gesucht; frau als Analogie zu man.

Einerseits meint der Autor, dass die politische Korrektheit missbraucht werden kann, denn „Kontrolle jeder Art (…) ist ein Mittel der Unterdrückung (…), dessen sich besonders Diktaturen bedienten und bedienen“. Andererseits weist er darauf hin, dass die sprachlichen Strategien zur Gleichbehandlung von Frauen und Männern „die wichtige Funktion erfüllen, auf Probleme aufmerksam zu machen“, und fügt hinzu: „Wird die Sprache als eine Abbildung des Denkens betrachtet, so trägt eine Person, die sich unreflektiert sexistischer sprachlicher Formen bedient, ihr Herz auf der Zunge. Dazu zitiert er einen weiteren Grammatiker H. Weinrich:

Es ist daher keine schlechte Strategie der Frauen, diese Unauffälligkeiten auffällig zu machen, auch um den Preis grammatischer Unkorrektheiten. Es wäre von den Männern (sowie von Frauen, Anm. JV) ziemlich naiv, nun sofort auf die Notrufsäule zu eilen: Hilfe, die Frauen fahren uns die Grammatik zu Bruch! (…) Die Linguistik kann hier wohl die Phänomene beschreiben, hat jedoch selbst keine Schiedsrichterfunktion in Streitfragen der politischen Semantik. Denn es handelt sich nicht um Verstöße gegen irgendwelche Regeln, es geht um das Für und Wider einer neuen Zivilität der Gleichheit, die sich zuerst in der Sprache bemerkbar macht, und zwar als Störfaktor. Das belebt die Sprachkultur, auch wenn es ein paar Unbequemlichkeiten mit sich bringt. Aber wer hat eigentlich behauptet, verantwortungsbewusster Sprachgebrauch müsse bequem sein?

Beispiel 3: Duden 9, 1997

In mehreren Kapiteln des Dudenbandes 9 (Hauptschwierigkeiten) wird ein Bezug auf die Aspekte sprachlicher Gleichstellung von Frauen und Männern genommen: in den Artikeln Anzeigen, Kongruenz, man (zum Pronomen frau) und Titel-und Berufsbezeichnungen. Dazu die Redakteurin B. Eickhoff: „Die Dudenredaktion betrachtet es als ihre Aufgabe, denjenigen Hilfestellung zu geben, die geschlechtergerecht und orthographisch korrekt schreiben wollen“.

Beispiel 4: Götze / Hess-Lüttich, 1999

Im Kapitel Grammatisches Geschlecht – natürliches Geschlecht bemerken L. Götze und E. Hess-Lüttich, dass es in der Standardsprache nach wie vor „als korrekt gilt, wenn bei Berufsbezeichnungen oder Tätigkeitsangaben Maskulinum gebraucht wird und darunter Frauen wie Männer verstanden werden“ und führen Beispiele an: Jeder kann bei uns gut verdienen; Alle Schüler sollen um 10 Uhr in der Aula sein; Inge will Redakteur werden. Gleichzeitig konstatieren die Autoren eine Tendenz, das weibliche Geschlecht bei Berufsbezeichnungen deutlich zu kennzeichnen: dazu nennen sie die Motion durch -in, die Verdeutlichung durch den Artikel eines substantivierten Partizips (Typus r/e Abgeordnete) oder durch die Komposition, wie bei -frau zu -mann: Kauffrau. „Weitgehend durchgesetzt hat sich die Trennung der natürlichen Geschlechter bei der Anrede, zumindest in sozial hoch bewerteten Berufen“, bemerken die Autoren.

Im Kapitel ´Frauensprachen´: Variation und Geschlecht erwähnen die Autoren Auseinandersetzungen zwischen feministischen Linguistinnen und ihren männlichen Kollegen, die die Bedeutung der sexistischen Benachteiligung von Frauen „eher herunter spielen. (…) Man hat sogar Richtlinien zur Vermeidung ´sexistischen´ Sprachgebrauchs herausgegeben. Aber oft ist man sich gar nicht bewusst, dass sich die Frauen durch Formen wie der Student von heute (…) diskriminiert fühlen könnten.“

„Unterschiede gibt es offenbar“, fassen die Autoren zusammen; „die Sprachwissenschaft muss sie nur noch genauer nachweisen als es bislang gelungen scheint“, und kommen zur Schlussfolgerung: „Wichtig aber ist: sprachliche Diskriminierung der Frauen ist soziale Diskriminierung. Durch bewussten Umgang mit der Sprache lässt sich hier manches verbessern“.

Beispiel 5: Kleine Enzyklopädie Deutsche Sprache, 2001

In der Kleinen Enzyklopädie Deutsche Sprache wird ein Zuwachs von departizipialen und deadjektivischen Konstruktionen (die/der Studierende etc.) konstatiert, der von der „seit den 70er Jahren in der Frauenrechtbewegung erhobenen sprachfeministischen Forderung nach Splitting von weiblichen Personenbezeichnungen in Texten“ initiiert wurde, „´die unmittelbar mit Chancengleichheit zu tun haben´“.

Im Kapitel 11.5.1 wird für ein „reflektiertes Sprachbewusstsein“ plädiert: „Aufgabe der Sprachkultur ist das Bemühen um ´reflektierten Sprachgebrauch´“. Dazu wird die Devise von K. Kraus zitiert: „Man muss damit anfangen, sich sprechen zu hören, darüber nachdenken, und alles verlorene wird sich finden“.

Beispiel 6: Hentschel/Weydt, 2003

Im Kapitel Substantiv können wir lesen „Problematisch ist hieran, dass im Gebrauch die maskuline und die feminine Form keineswegs gleichberechtigt nebeneinander stehen.“ (…) Dazu wird die feministische Linguistin L. Pusch zitiert: „Die Neutralisation [durch das generische Maskulinum, Anm. JV] hat missliche Folgen für Frauen: nur bei den femininen Formen können sie wirklich sicher sein, dass sie gemeint sind“.

Hentschel und Weydt polemisieren gegen die Argumentation der Markiertheitstheorie, weil sie die Hierarchien zwischen dem unmarkierten und markierten Glied herstellt; wenn es dann um Personen geht, werden die „vom Prototyp abweichenden“ Personen beeiträchtigt. Hentschel und Weydt fügen eine Reihe von Studien hinzu, die bewiesen haben, dass mit der maskulinen Form (Student, Jurist etc., Anm. JV) in erster Linie Männer assoziiert werden. Auf anderthalb Seiten werden alternative Sprachformen aufgezählt, die bereits zu Anfang der 80er Jahre diskutiert und schliesslich in den öffentlichen Sprachgebrauch eingeführt wurden.

Beispiel 7: Duden-Grammatik, 2005

„In der Dudengrammatik werden die Formen Sprecher und Hörer bzw. Leser und Schreiber verwendet. Selbstverständlich beziehen sie sich immer auf männliche und weibliche Personen. Lediglich aus Gründen des Platzes und des flüssigeren Schreibstils wurde darauf verzichtet, jeweils weibliche und männliche Formen anzuführen.“

Diese Anmerkung und die Art der AutorInnenbezeichnung in der Schlusszeile „Die Dudenredaktion und die Autorinnen und Autoren“ sind als ein Beweis dafür aufzufassen, dass die Dudenredaktion den Gebrauch des GM nicht für unproblematisch hält und nicht voraussetzt, dass Frauen sich unter dem GM automatisch „mitgemeint“ fühlen. Ähnliche Anmerkungen zur Bezeichnung von Lesenden und Schreibenden finden wir in der Grammatiken von H. Wellmann oder in der Pragmatik von W. Bublitz.

Abschließend sei dann das Beispiel 8, Metzler Lexikon, 2005 zitiert:

Feministische Sprachkritik wird auch in populären Medien diskutiert und zunehmend praktiziert; sie hat sogar zur Änderung von Gesetztexten geführt. Es handelt sich um polit. motivierten Sprachwandel, der in seinem Ausmaß nicht zu unterschätzen ist.

Diese Worte sind als Annerkennung des gesellschaftlich-politischen Beitrags der feministischen Sprachkritik und auch als Bilanz ihrer Auswirkung auf die Grammatik zu verstehen. Für deutschprachige Forschende wohl nichts Überraschendes. Wir Tschechischsprechenden und -forschenden können aber an den acht hier zitierten Erkenntnissen beobachten, was in der tschechischen Sprachwissenschaft bei Weitem noch nicht üblich ist: das Thema der sprachlichen Gleichbehandlung von Frauen und Männern wird ohne Vorurteile und mit strenger Objektivität behandelt.